
NTFN-Fachtagung: Suizidalität aus transkultureller Perspektive am 11.9.2026
Neue Perspektiven einnehmen, Wissen teilen und miteinander ins Gespräch kommen: Bei unserer diesjährigen Fachtagung am 11. September zum Thema „Suizidalität aus transkultureller Perspektive – Herausforderungen und Handlungsperspektiven im Kontext von Flucht und Migration“ stand genau das im Mittelpunkt. Neben wissenschaftlichen Vorträgen und einem Podiumsgespräch gab es zwei praxisorientierte Workshops zu den Themen „Handlungspfade bei Suizidalität“ und „Selbstfürsorge im Umgang mit suizidgefährdeten Klient*innen“. Den Abschluss bildete eine Lesung, in der persönliches Erleben und Erfahrungen geteilt wurden. Die Tagung fand in Kooperation mit Region Hannover und der DGPPN statt.

Eine Einführung in das Themenfeld „Suizidalität aus transkultureller Perspektive“ hat uns Emma Pünt gegeben. Sie ist Teil der Forschungsgruppe Soziale und Transkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie I an der Universität Ulm und beschäftigt sich im Rahmen ihrer Masterarbeit mit dem Zusammenhang zwischen Suizidalität und Aufenthaltsstatus. Sie berichtete in ihrem Vortrag von ersten Forschungsergebnissen ihrer Masterarbeit, in der sie aufzeigen konnte, dass das Suizidrisiko bei Geflüchteten mit einem unsicheren Aufenthaltsstatus deutlich höher liegt als in der Allgemeinbevölkerung (und unter Geflüchteten generell). Die Auswegslosigkeit, die viele suizidale Menschen beschreiben, ist bei Geflüchteten z.B. durch jahrelange Asylprozesse, schwerste Schicksalsschläge oder andere Ereignisse leider oft erschreckend real.

Im Workshop von Diana Kloppenburg, Ltd. Oberärztin Klinikum Wunstorf, wurden Handlungsschritte besprochen, die im Umgang mit suizidgefährdeten Menschen im transkulturellen Kontext helfen sollen. Wichtig dabei ist es, Suizidalität aktiv anzusprechen und direkte Fragen zu stellen. Eine weitere Kernbotschaft aus dem Workshop, die die Teilnehmenden mitgenommen haben, ist, dass Handlungssicherheit durch Struktur, Fachlichkeit und Kenntnisse des regionalen Hilfesystems entsteht.

Dr. Maria Sundvall ist Psychiaterin und Forscherin am Karolinska Institut in Stockholm und hielt ihren Vortrag zum Thema „Overcoming barriers and exploring narratives – What happens in the mental healthcare encounter with suicidal migrants?„. Soziokulturelle Aspekte dürften bei Suizidalität und im Umgang mit suizidgefährdeten Menschen unterschiedlicher Herkunft einerseits nicht überhöht, aber auch nicht unbeachtet bleiben. Für manche Betroffene sei es z.B. aus religiösen Gründe viel schwieriger, überhaupt von Suizidalität zu sprechen. Außerdem gäbe es manchmal aufgrund von Sprachbarrieren Schwierigkeiten, gewisse Gefühle oder Bedürfnisse zu kommunizieren – etwa wenn Begriffe verwendet werden, die nicht genau übersetzbar sind. Sundvall nannte hierfür als Beispiel „my heart is squeezed“, das im Arabischen Sorgen und innere Unruhe bedeutet, aber im mitteleuropäischen Kontext häufig als Herzbeschwerden missverstanden wird.

Im Workshop von Dr. med. Mechthild-Ahnson, ärztl. Psychotherapeutin, und Daniela Finkelstein, Familientherapeutin und Standortleitern beim NTFN, haben sich die Teilnehmer*innen im Rahmen eines Rollenspiels mit der Frage „Was macht Suizidalität mit uns?“ und Selbstfürsorge auseinandergesetzt. Außerdem wurde darüber gesprochen, inwieweit man die Balance zwischen Abstumpfung und Abgrenzung zu Klient*innen behält („bei Menschen bleiben, aber abgrenzen“). Bei Verdacht auf Suizidalität gehe es in der Beratung vor allem um drei Dinge: Beziehung halten, Risiko einschätzen, Sicherheit schaffen.

Anschließend haben wir uns in einem Podiumsgespräch, moderiert von Amira Sultan (Psychologin, NTFN), dem Thema „Suizidprävention bei Geflüchteten: Status quo, rechtliche Rahmenbedingungen und Reformbedarf“ gewidmet. Hierfür haben wir Expert*innen aus unterschiedlichen Bereichen versammelt. Einige Schlaglichter aus der Diskussion:
„In einigen Unterkünften kriegen wir zu hören, dass ja eh alle Geflüchteten PTBS oder ein Trauma hätten. Es wird so getan, als sei es deswegen weniger wichtig.
Wir müssen also immer wieder Sensibilität für die Situation schaffen – und auch die Zugänge zu psychosozialer Versorgung erleichtern.“
(Delaram Shafieioun, Psychologin, NTFN)
„Wenn es um Suizidprävention geht, dann muss die auch zielgruppengerecht sein – das heißt, besonders vulnerable Gruppen wie etwa Geflüchtete brauchen ein anderes Präventionsangebot als andere. Und Sprachmittlung ist ein ganz zentraler Baustein darin.“
(Lukas Kirsch, Fachdienstleiter Sozialpsychatrischer Dienst, Region Hannover)
„Die Finanzsituation ist schwierig, da brauchen wir eine Mischfinanzierung, die Bund und Länder miteinbezieht. Aber auch die Kliniken haben Möglichkeiten, aus ihren Budgets heraus zu arbeiten. Alles, was wir an Verbesserungen im klinischen Sektor hinbekommen, hilft uns – und dafür setzen wir uns auch auf politischer Ebene ein.“
(Jörg Holke, Geschäftsführung Aktion Psychisch Kranker)

Den letzten Programmpunkt bildete die Lesung von Kevin Junk, Autor, Lyriker und Essayist aus Berlin. Diese bot nach all dem fachwissenschaftlichen Austausch eine persönliche (Betroffenen-)Perspektive auf das Thema Suizidalität. Kevin Junk las aus seinem autobiographischen Essay „I will survive. Zu Suizid und Überleben.“ (erstmals erschienen im DUMMY Magazin, 2020), in dem es um seine Erfahrungen mit suizidalen Gedanken und Verhaltensweisen geht, aber auch um das Erlernen von Werkzeugen, mit denen diese überwunden werden können. Im Gespräch mit Moderator Armin Wühle ging er auch auf die Bedeutung von Fehldiagnosen ein, und dass z.B. für Menschen, die sich unentdeckterweise auf dem autistischen Spektrum befinden,
das Tragen einer Sonnenbrille bei grellem Tageslicht bereits eine spürbare mentale Erleichterung sein könne. Im therapeutischen Prozess sei ihm besonders wichtig gewesen, dass er sich von seinen Berater*innen ernstgenommen fühlte – etwas, das bei Geflüchteten und nichtweißen Menschen leider seltener vorkommt (vgl. hierzu unsere NTFN-Tagung aus dem Jahr 2024, „Rassismus im Gesundheitswesen“). Seine Lesung beendete Kevin Junk mit den Worten: „Wenn ich das kann, können andere das auch“.
Besonderer Dank gilt unseren Kooperationspartnern, der Region Hannover und der DGPPN, allen Referent*innen sowie unserem Team.






